Was ist Plastik?

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Welche Antwort man auf diese Frage bekommt, hängt davon ab, wer sie gibt. Und genau darin besteht die Crux: Denn im Jahre 2020 ist Plastik für den Automobilingenieur die Lösung, neue Autos leichter und spritsparender zu machen. Für eine Bürgermeisterin zeigt sich Plastik als großer Müllberg, der immer weiter wächst. Für eine Ärztin bedeutet Plastik Schutz ihrer Patienten durch hygienische Einmalprodukte. Ein Krebspatient sieht in Plastik vielleicht die Ursache für seine Erkrankung. Für junge Meeresschildkröten, Fische und Vögel ist Plastik eine tödliche Gefahr. Und für einen Elektriker ist Plastik einfach ein super Isolator für Kabel. 

Unabhängig davon, wie wir selbst zu Plastik stehen – es umgibt uns überall. Plastik steckt in technischen Geräten, in den Lieferketten unserer Lebensmittel, in den Textilfasern unserer Kleidung, in der Infrastruktur von medizinischen Produkten, in Kosmetik und vor allem in Verpackungen (siehe Abbildung). 

Quelle: Umweltbundesamt / CONVERSIO Market & Strategy GmbH


Plastik hat viele Seiten

Plastik ist Fortschritt und Rückschritt in einem. Wenn man so will, Schutz der Gesundheit und Quelle von Krankheit. Und ein großes Problem für die Umwelt. 

Die Grundzutat von Plastik sind fossile Rohstoffe wie Kohle und Erdgas – vor allem aber Erdöl. Für Verpackungen, die eine minimale Lebensdauer haben, werden somit endliche Ressourcen verbraucht, die in mehreren Millionen Jahren entstanden sind. 

Aus dem Erdöl entstehen durch Destillation, Cracking und Synthese zunächst netz- oder kettenförmige Makromoleküle (Polymere). Die Art und Weise, wie die Synthese erfolgt und welche Additive (zum Beispiel Weichmacher) beigesetzt werden, entscheidet darüber, welche Form von Plastik entsteht, wie weich oder hart, wie stabil, wärme- oder feuchtigkeitsbeständig oder dehnbar der Kunststoff ist. 

Auf Basis der so erzeugten physikalischen Eigenschaften werden Kunststoffe in drei Hauptgruppen unterteilt (à mehr Informationen gibt’s im Artikel zu Plastiksorten): 

  • Viele Kunststoffe, die wir im Alltag nutzen, sind Thermoplaste. Joghurtbecher, Plastiktüten oder PET-Flaschen. Sie zeichnen sich durch ihr flexibles Material aus und lassen sich – deshalb der Name – durch Wärme/Hitze wieder verformen, da sie aus nur lose verbundenen Polymeren bestehen. 
  • Duroplaste dagegen können durch Hitzezufuhr nicht wieder in ihrer Form verändert werden. Da sie aus sehr engverwobenen Molekülketten bestehen, bleibt dieser Kunststoff so hart und damit auch in der Form, in der er hergestellt wurde. Aufgrund ihrer Temperaturbeständigkeit sind Duroplaste oft Gehäuse für elektrische Geräte, Steckdosen oder Küchenmaschinen. 
  • Die dritte Sorte sind die Elastomere. Und auch hier ist der Name Programm. Sie lassen sich im Gegensatz zu den beiden anderen Gruppen verbiegen und sind sehr – ja genau – elastisch. Reifen oder Spülschwämme gehören dieser Gruppe an. 

Die Vorteile von Plastik liegen genau in dieser Vielfalt von technischen Eigenschaften, die es anderen Werkstoffen gegenüber für vielerlei Aufgaben überlegen macht. Denn Plastik ist leichter und formbarer als Metall, beständiger gegenüber Wärme und Chemie als Holz, bruchfester als Glas, aber auf Wunsch genauso hart. Dass die Herstellungskosten für die Wirtschaft im Vergleich zu den anderen Werkstoffen zumindest betriebswirtschaftlich weitaus günstiger sind, macht Plastik zu dem Erfolgsprodukt, das es seit dem Plastik-Boom der 1950er Jahre ist. 

(Dass die Rechnung nicht aufgeht, zeigt die Ellen MacArthur Foundation mit ihrer Studie „The New Plastics Economy. Rethinking the Future of Plastics“ zu den volkswirtschaftlichen Kosten der Plastikproduktion) 

Plastik ist ein Problem
So verlockend die vielen Vorteile von Plastik auch sind, seine besonderen Eigenschaften sind es auch, die Plastik zu einem der größten Umweltprobleme des Jahrtausends machen. Denn Plastik ist so beständig und resistent, dass es sich nicht ohne schädliche Folgen abbauen lässt. In Zahlen sieht dieses Dilemma so aus: Seit den 1950er Jahren wurden insgesamt 8,3 Mrd. Tonnen Plastik produziert[1]. Pro Jahr sind es derzeit 360 Mio. Tonnen[2] – mehr als die gesamte Weltbevölkerung aktuell wiegt (ca. 300 Mio. Tonnen). Und der Trend zeigt weiter nach oben: Knapp die Hälfte der gesamten Plastikproduktion stammt aus den letzten 20 Jahren (siehe Abbildung)[3].

Quelle: PLASTIKATLAS 2019, Geyer CC BY 4.0


In Abfallzahlen sind das inzwischen ca. 6,3 Mrd. Tonnen Plastikmüll. Nur neun Prozent davon sind im Recyclingkreislauf gelandet. Zwölf Prozent wurden verbrannt und 79 Prozent davon liegen auf oder in den Weltmeeren[4]. Um sich diese enormen Massen vorstellen zu können, hilft auch hier ein Vergleich: Ein gewöhnlicher Müllwagen kann im Schnitt zehn Tonnen Müll aufnehmen. Um den gesamten produzierten Plastikmüll zu transportieren, bräuchte es also 630 Mio. Müllwagen. Alle aneinandergereiht ergäben 6,3 Mio. Kilometer. Das ist fast achtmal so weit wie das gesamte deutsche Straßennetz mit seinen rund 830.000 Kilometern[5].

Geschätzte 86 Mio. Tonnen Plastikmüll treiben als Plastikmüllstrudel bereits in den Weltmeeren. Und das werden sie noch sehr lange, wenn nicht für immer tun. Denn beispielsweise eine PET-Flasche bleibt mindestens 450 Jahre im Meer – und auch danach ist sie nicht weg, sondern hat sich durch Reibung und UV-Einfluss zu ebenfalls gefährlichem Mikroplastik (kleinste, unlösliche Kunststoffteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind) zersetzt. 

Neben den Umweltschäden sind heute auch viele gesundheitliche Risiken bekannt:  Die schädlichen Wirkungen von Plastikbestandteilen reichen von einer Schwächung des Immunsystems, eine Verminderung der Fortpflanzungsfähigkeit, über Schäden an Nieren und Leber bis zur Verursachung von Krebserkrankungen (siehe Abbildung).

Quelle: Plastikatlas 2019, Ciel CC BY 4.0


Und auch das Klima leidet unter dem Plastik-Boom: Die klimaschädlichen Emissionen – von der Herstellung bis zur Entsorgung von Plastik – sind enorm. Bei der Herstellung treten giftige chemische Gase aus und bei der Verbrennung von Plastik setzen die Brände giftige Stoffe wie Gase aus Blausäure, Kohlenstoffmonoxid, Chlorwasserstoff und Dioxinen frei, wenn diese Form der Entsorgung nicht in geeigneten Anlagen passiert. In Deutschland wird heute mehr als die Hälfte der Kunststoffabfälle verbrannt[6]. Gründe dafür sind vielfältig, unter anderem ist es günstiger als aufwändiges Recycling zudem sind viele Plastikabfälle verunreinigt und nicht recycelbar (à mehr Informationen gibt’s im Artikel zum Plastik-Recycling). Auch wenn Müllverbrennungsanlagen (MVA) hohe Abgasgrenzwerte einhalten müssen, können auch sie nicht alle Schadstoffe herausfiltern. Zudem entstehen durch diese thermische Verwertung klimaschädliche CO2-Emissionen und die wertvollen Rohstoffe gelangen so auch nicht zurück in den Kreislauf. 

Diese großen Schäden, die Plastik auf dem Planeten Erde anrichten, machen deutlich, dass es eine andere Antwort auf die Fragen und Bedürfnisse geben muss – für die Plastik heute die vermeintliche Lösung ist.


[1] Geyer, Roland, Jambeck, Jenna R., Lavender Law, Kara: Production, use, and fate of all plastics ever made. In: Science Advances, Vol. 3, no. 7, 19.07.2017:E1700782

[2] Statista: Weltweite und europäische Produktionsmenge von Kunststoff in den Jahren von 1950 bis 2018 (Abgerufen 08.06.2020)

[3] Vgl. Heinrich Böll Stiftung / BUND: Plastikatlas – Daten und Fakten über eine Welt voller Kunststoffe. 2019 

[4] Geyer, R. et al: Production, use, and fate of all plastics ever made. In: Science Advances, Vol. 3, no. 7, 19.07.2017:E1700782

[5] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur: Längenstatistik der Straßen des überörtlichen Verkehrs, Stand: 1. Januar 2019 (August 2019)

[6] Umweltbundesamt: Kunststoffabfälle (Stand 2018 / abgerufen 08.06.2020)

Plastik Fighter

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